Ein Bericht von Arne Seifert, veröffentlicht in der Badischen Zeitung vom 21.02.26
Seit vielen Jahren bietet das Scheffel-Gymnasium im Rahmen des Schülerstudiums der Universität Freiburg Schülern die Möglichkeit, in den Unialltag reinzuschnuppern. Die Badische Zeitung hat zwei Teilnehmer begleitet.

Pünktlich um neun Uhr morgens strömen hunderte Studenten der Universität Freiburg in die Hörsäle, um den Vorlesungen beizuwohnen. Unter ihnen auch Mantas Koch, den ein Vortrag zur Wirtschaftspolitik im Einführungssemester der Volkswirtschaftslehre erwartet, Shihang Huang, auf dessen Stundenplan „Einführung in die analytische Mathematik steht“ sowie Sara Garve, die einer Vorlesung zu Biochemie beiwohnt. Ihren Mitstudenten gleich machen sich die drei Notizen und tauschen sich mit dem Nebensitzer über das Dozierte aus. Die drei heben sich kaum von der Masse an hunderten Studenten ab, die, wie in Mantas Fall, im Paulussaal dem Vortrag zur Wirtschaftspolitik lauschen.
Dennoch sind Mantas, Sara und Shihang alles andere als gewöhnliche Studenten. Im Gegenteil, alle drei gehen noch zur Schule und sind Schüler des Scheffel-Gymnasiums Lahr. Als Torsten Lorenz, seines Zeichens Lehrer und Verantwortlicher für die Begabtenförderung am Scheffel, das Schülerstudium der Uni Freiburg im vergangenen Jahr bewarb, seien sie sofort interessiert gewesen, erzählen Mantas und Sara, die beide die Oberstufe besuchen. Seit diesem Semester fahren sie im Rahmen des Schülerstudiums einen Tag in der Woche nach Freiburg, um den Vorlesungen des Einführungsseminars ihres selbstgewählten Studiengangs beizuwohnen. Der 15-jährige Shihang nutzt das Angebot eines Schülerstudiums bereits seit 2024. Zuvor habe er ebenfalls am Freiburg-Seminar teilgenommen, ein Angebot der Universität, schulfächerspezifische Fragestellungen für Interessierte zu vertiefen und um Inhalte der Universität zu erweitern.
Dem Schülerstudium eigen ist sein Auswahlprozess: Alleine die regionalen Schulen besitzen das Vorrecht, Schüler für ein Studium vorzuschlagen. Mit dem Vorschlag gehen Empfehlungsschreiben seitens der Schulleitung einher, die den Schülern die Fähigkeit attestiert, ein Studium zu beginnen. Es folgt ein Vorstellungsgespräch mit den beiden Verantwortlichen für das Schülerstudium der Uni Freiburg. Sara erzählt, dass den Schülern in den Vorstellungsgesprächen Fragen zu ihren Interessen und ihrer Motivation gestellt würden. Teil des Gesprächs ist darüber hinaus ein Papierbogen mit Logikrätseln, die es zu lösen gilt, um die allgemeinen kognitiven Fähigkeiten der Schüler zu testen.

Der Grund für jene strenge Vorauswahl auf mehreren Instanzen ist der Aufwand für die Schüler und Schülerinnen. Denn mit besagtem Studium gehen etliche Entbehrungen einher. Aufgrund der Tatsache, dass Mantas, Sara und Shihang dem Unterricht einen ganzen Wochentag fern bleiben, müssen Unterrichtsinhalte eigenverantwortlich zuhause nachgearbeitet werden, Klassenarbeiten und Tests werden selbstverständlich mitgeschrieben. Mantas beispielsweise verpasst jeden Freitag abiturrelevanten Unterrichtsstoff in seinen Leistungsfächern. Manche seiner Lehrkräfte hätten daher zu Beginn eher argwöhnisch reagiert, erzählt der 16-Jährige. Doch nach Ausräumen sämtlicher Missverständnisse habe sich der Argwohn gelegt. Saras Lehrer wiederum hätten sogar von sich aus angeboten, mit ihr den Unterricht gemeinsam nachzuarbeiten. Aus Lehrerperspektive, erzählt Torsten Lorenz, sei es bemerkenswert, dass die Schüler es einerseits vollbringen, den Unterricht des Gymnasiums mit Inhalten der Universität zu bereichern, gleichzeitig aber verpassten Unterricht zuhause nachholen.
Von Seiten des Scheffel-Gymnasiums, das jenes Förderprogramm als einzige Lahrer Schule anbietet, bestehe großes Interesse daran, das Schülerstudium weiter auszubauen, so Lorenz. Zukünftig werde man auch ein Fernstudium der Universität Rostock anbieten, zusätzlich soll jeder Klassenlehrer bereits in den unteren Klassen Schüler vorschlagen dürfen, die für das Freiburg-Seminar und das Schülerstudium in Frage kämen. „Schüler jedes Jahrgangs sollen die Chance erhalten, am Studium teilnehmen zu können.“
Mantas, Sara und Shihang fühlen sich allesamt sehr wohl in ihrem Studiengang. Ob sie später exakt dasselbe Studienfach belegen werden, für welches sie sich jetzt entschieden haben, wissen sie allerdings zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. Ob des Umstandes, dass man lediglich das Einführungssemester besuche, wünsche er sich teilweise noch eine fächerspezifische Vertiefung, berichtet Mantas. In den Studienalltag einzutauchen, sei jedoch eine tolle Erfahrung, zumal die Schüler sich auf der Universität später nicht an völlig neue Verhältnisse gewöhnen müssten.
Etwas Zählbares nimmt man obendrein mit: Abgelegte Prüfungen sowie besuchte Semester lassen sich später anrechnen. So sammeln die Jungstudenten sogenannte ECTS-Credits, die den Fortschritt eines Studiums bemessen, indem sie die Anzahl an investierten Arbeitsstunden einberechnen. Auch die regulären Prüfungen im jeweiligen Studienfach, die die Schüler bestehen müssen, wenn sie ihr Studium fortsetzen wollen, ließen sich theoretisch später anrechnen. „Darüber hinaus ist es ein hohes Maß an Charakter und Wissen, welches man dazu gewinnt“, attestiert Lorenz den drei Schülern.
Ihren Mitstudenten fällt der Altersunterschied oft gar nicht auf. Werden sie doch einmal auf ihr Alter oder die Tatsache, dass sie nur einmal pro Woche die Vorlesung besuchen, angesprochen, ernten die Schüler viel Lob und Anerkennung von ihren Mitstudenten. „Toll, dass es junge Menschen gibt, die sich in diesem Maße weiterbilden“, so der Tenor.
