Wenn die Zivilisation zerbricht: „Herr der Fliegen“ fesselt in der Aula des Scheffel-Gymnasiums

Ein beklemmendes Szenario, eine explosive Gruppendynamik und die zeitlose Frage nach dem wahren Kern der menschlichen Natur: Das Mittel- und Oberstufentheater des Scheffel-Gymnasiums brachte William Goldings berühmte Dystopie „Herr der Fliegen“ auf die Bühne. In einer dichten und packenden Inszenierung zeigte das Ensemble in der restlos ausverkauften Aula des Scheffel-Gymnasiums, wie dünn die Firnis der Zivilisation ist, wenn Regeln wegfallen und blanke Angst die Führung übernimmt.

Die Ausgangslage ist ein moderner Albtraum: Nach einem Flugzeugabsturz ist eine Gruppe von Jugendlichen auf einer einsamen Insel völlig auf sich allein gestellt. Was als vermeintliches Abenteuer und (scheinbare) Rettung beginnt, entpuppt sich rasch als rasanter Fall in die Barbarei. Das Stück, basierend auf der Bühnenfassung von Nigel Williams, stellt die Mechanismen von Macht, Ohnmacht und Gruppenzwang radikal bloß.

Die Chronik eines angekündigten Absturzes

Unter der brillianten Regie von Antje Gißler und Christiane Grimm entfaltete sich auf der Bühne ein brisantes psychologisches Experiment. Die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler stellten erschreckend realistisch dar, wie aus vernunftbegabten, eigentlich wohlerzogenen Menschen im Handumdrehen faschistoide Strukturen erwachsen können. Die Suche nach Rang, Geltung und Anerkennung innerhalb der neu formierten Gruppe schlug schnell in eine erbarmungslose Hackordnung um. Mobbing wurde zum Instrument der Ausgrenzung, das schließlich in vernichtende Formen überging.

Die düstere Atmosphäre spiegelte sich auch in den philosophischen Querverweisen des Programms wider – so erinnerte das eingewobene Faust-Zitat von Mephisto („Ich bin der Geist, der stets verneint! / Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, / ist wert, dass es zugrunde geht…“) als bitterer Kommentar an den schleichenden Untergang der Vernunft auf der Insel.

Stimmenwirrwarr und der Verlust der Menschlichkeit

Besonders eindringlich gelang dem Ensemble die Darstellung der Gruppendynamik. Wenn die Konfliktmomente auf der Bühne eskalierten, erschallte ein bedrohlich durch das ganze Schulhaus dringende Stimmenwirrwarr auf der Bühne, das zu frenetischem Geschrei anwuchs. Packend stellten die Darstellerinnen und Darsteller dar, wie sich die Masse nicht mehr von logischen Argumenten erreichen ließ – sie wurde unzugänglich für die Stimmen der Mäßigung. Einzelne Charaktere, die verzweifelt versuchten, die Ordnung und demokratische Grundwerte aufrechtzuerhalten, wurden isoliert, gejagt und letztlich im Chaos getötet. Luis Fehrenbacher (J2) als Anführer Jack und Arne Seifert (J2) als Mitläufer Roger zogen nicht nur große Teile der Jugendlichen auf der Insel, sondern auch das Publikum in ihren Bann.

Auch über 70 Jahre nach Kriegsende hat diese Dystopie nichts an Aktualität eingebüßt und warnt davor, wie schnell für selbstverständlich gehaltene soziale Normen an Bedeutung verlieren und Macht und Gewalt übernehmen.

Ein grandioses Gesamtkunstwerk

Eine solche Aufführung lebt nicht nur vom intensiven und emotionalen Spiel der Schülerinnen und Schüler auf der Bühne, sondern vom perfekten Zusammenspiel aller Beteiligten im Hintergrund. Ein großes Dankeschön der Theater-AG richtete sich am Ende an das gesamte Kollegium, die die intensiven Probenphasen stets mit aufbauenden Worten und Unterstützung begleiteten.

Der Bühnenaufbau wurde maßgeblich von Bernd Moser-Grimm unterstützt, während die Scheffel-Technik-AG für eine atmosphärische Ausleuchtung und punktgenaue Soundeffekte sorgte. Für die professionelle Soufflage zeichnte Karin Cannie verantwortlich, während Emely Wolf nicht nur auf der Bühne stand, sondern auch das ausdrucksstarke Plakat gestaltete. Für das leibliche Wohl der zahlreichen Gäste sorgte in bewährter Manier der Verein der Freunde des Scheffel-Gymnasiums.

Am Ende blieb ein sichtlich bewegtes Publikum, langanhaltender Applaus und eine Botschaft, die aktueller nicht sein könnte und die das Ensemble den Zuschauern als Leitgedanken mit auf den Weg gab:

„Demokratie ist Freiheit. Mitgestaltung. Selbstbestimmung. Toleranz. Respekt. Verantwortung. Menschlichkeit.“

Die Mitwirkenden auf einen Blick

  • Besetzung: Arne Seifert, Eilyn Cabrera Martinez, Ekrem Eristi, Emely Wolf, Emma Robel, James Mihov, Lilly-Sophie Rasche, Louisa Metzger, Luis Fehrenbacher, Luisa Preschle, Maike Schertling, Marian Nowak, Marlon Krause, Maya Mitrofanon, Melia Peter, Migle Koch, Olivia Künstle, Sophia Obert.
  • Technik: Emilja Heby, Helena Damm, Ralf Göppert, Luisa Erlewein, Eric Fischer, Shihang Huang, Jakob Theobald, Stefan Hunn.
  • Unterstützung: Hausmeister Sven Müller, Karin Cannie (Soufflage), Emely Wolf (Plakatgestaltung), Bernd Moser-Grimm (Bühnenaufbau).
  • Regie: Antje Gißler, Christiane Grimm.

Nach oben scrollen